Objekte des monats

September 2018

Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Universität, Inv.Nr.: 1987-002-279

 

„Doctor’s Lady“ – oder: Wie man mit dem richtigen Namen bessere Geschäfte macht

 

In der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel befindet sich die kleine Elfenbeinfigur einer nackten Frau. Ihren Weg in die Sammlung fand die Figur als „Doctor’s Lady“. Dieser Begriff hat sich ebenso wie die Bezeichnung „chinese medicine doll“ im Kunsthandel etabliert. 

Beide Namen bezeichnen eine kleine Figur einer nackten, wohl frisierten Frau, die im Kieler Fall auf der rechten Seite liegt und den Kopf mit der rechten Hand abstützt. Ihr linker Unterarm liegt unterhalb der Brüste; sie trägt Ohrringe und an jedem Handgelenk einen Armreif. Das linke Bein liegt über dem leicht angewinkelten rechten Bein. Sie trägt Schuhe; Haare und Augen sind schwarz. Die Figur liegt lose auf einem Ständer mit nach innen eingerollten Füßen. Dreht man die Figur auf den Bauch, so sieht man eine Frau im Rückenakt, sie hält ihre rechte Hand am Hinterkopf und hat den linken Unterschenkel beinahe neckisch erhoben.

Angeblich sollen Figuren dieser Art „im alten China“ dazu gedient haben, dass kranke Frauen den Ärzten die schmerzenden Stellen zeigen konnten, ohne sich entkleiden zu müssen. Dabei konnte die Erkrankte entweder eine derartige Figur dem Arzt per Boten zukommen lassen oder der Arzt führte eine entsprechende Figur mit sich, wie Howard Dittrick 1952 in seinem Aufsatz im Bulletin of the History of Medicine konstatiert.  Als Informantin für diese Aussage führt er eine namenlose chinesische Krankenschwester an. Ferner zitiert er in seinem kurzen Aufsatz kanadische und englische Sinologen, die seine These bestätigen. Lediglich der einzige chinesischstämmige Experte unter ihnen widerspricht: Derartige Figuren seien nach dem 17. Jahrhundert entstanden um dem Geschmack der Europäer entgegenzukommen, „to suit the taste of Western customers“. Dieser Gedanke ist es wert weiter verfolgt zu werden. 

Viele ähnliche Figuren, die im Handel oder in Sammlungen vorhandenen sind, wurden zwischen dem 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts hergestellt. Ältere Figuren scheinen dagegen relativ selten zu sein. Eine davon ist im Beitrag von Kristin Beattie abgebildet. Figur 3 ihres Aufsatzes zeigt eine gegen Ende der Ming-Dynastie (1368-1644) gefertigte Elfenbeinfigur, die auf erstaunliche Weise der Kieler Frauenfigur ähnelt. Allerdings ist die Frau bekleidet. Sieht man genauer hin, merkt man, dass ihr Obergewand über der Brust leicht geöffnet ist, so dass die linke Brustwarze frei liegt. Die Figur trägt eindeutig erotische Züge. Allem Anschein nach lebte ein Teil der chinesischen Gesellschaft im 17. Jahrhundert eine offenere Erotik als es damals in Europa üblich war, wie z. B. den freizügigen Illustrationen des erotischen Werkes „Jin Ping Mei“ zu entnehmen ist. Derartige Darstellungen scheinen die Europäer fasziniert zu haben und wir wissen, dass sie schon frühzeitig erotische Abbildungen mit nach Hause brachten.

Doch betrachten wir die Kieler Figur noch einmal genauer: Die Frau trägt, wie die anderen „Doctor’s Ladies“, Schuhe und Schmuck. Die im Vergleich zum Körper sehr kleinen Schuhe/Füße lassen darauf schließen, dass hier eine Han-Chinesin mit so genannten Lotos- oder Lilienfüßen dargestellt ist. Kleine Frauenfüße waren bei den Han ein Schönheitsideal und galten als erotisch. Das Füßebinden war eine langwierige und schmerzhafte Prozedur. Es beinhaltete eine Deformation der Füße, bei dem die Zehen unter den Ballen gebogen wurden und der Mittelfuß so hochgekrümmt wurde, dass der Fußballen an der Ferse zu liegen kam. Als Folge davon konnten die betroffenen Frauen, die zumeist der Oberschicht angehörten, sich nur noch unter großen Schmerzen und in kleinen trippelnden Schritten fortbewegen.  „Der kleinschrittige Gang  […]wurde von chinesischen Dichtern und Poeten als erotisch beschrieben und die kleinen Füße häufig als der erotischste Teil des weiblichen Körpers wahrgenommen“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Füßebinden_(China)). Kristin Beattie zeigt in ihrem Aufsatz auch auf, dass im alten China das Bett eng mit der Sphäre der Frauen verbunden war und dass die Darstellung einer ruhenden Frau dem chinesischen Begriff von Weiblichkeit in der Oberschicht schlechthin entsprach - quasi analog zu der deutschen Zuschreibung der sozialen Frauenrolle zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit „Kinder, Küche, Kirche“. Die kleine Kieler Figur weist also außer ihrer Nacktheit auch noch andere Züge auf, die eindeutig erotischen Charakters sind.

Vergleicht man nun die Ming-Figur mit der aus Kiel, zeigt sich, dass die dargestellten Frauen im Laufe der mindestens 250 Jahre, die zwischen ihrer Herstellung liegen, nicht nur ihre Kleidung verloren haben. Ihre Darstellung hat sich auch von eher subtiler zu offener Erotik gewandelt. Dies kann damit zusammenhängen, dass die mingzeitliche Figur wohl eher für den chinesischen Eigenbedarf hergestellt wurde, während die Gestaltung der Kieler Figur mit der stärkeren Frequentierung chinesischer Häfen durch europäische Seeleute und ihrem Geschmack zusammenhängen könnte. Denn nach dem Ersten Opiumkrieg (1839-1842) hatten die Engländer fünf so genannte Vertragshäfen erzwungen. Die mit den Seeleuten nach Europa und Nordamerika gebrachten Figuren nackter Frauen gelangten nach und nach in Museen, Privatsammlungen und in den Kunsthandel. Und dort fanden sie unter der Bezeichnung „doctor’s lady“ sicherlich deutlich einfacher Platz und verkauften sich besser als unter dem Begriff „nackte Frauenfigur“. Dies ändert sich seit ein paar Jahren - auch hier sicherlich in Abhängigkeit von dem liberaleren Zeitgeist und der Seriosität des Handelshauses. Im Augenblick bestehen jedenfalls auffällige Diskrepanzen in der Benennung zwischen europäischen und eher prüden US-amerikanischen Händlern.

 

 

Literatur:

Beattie, Kristin, 2012, A Study of a Ming Dynasty Pillow; V & A Online Journal, Issue No. 4, Summer 2012; abgerufen unter: http://www.vam.ac.uk/content/journals/research-journal/issue-no.-4-summer-2012/a-study-of-a-ming-dynasty-ceramic-pillow/ (Figure 3) ; letzter Abruf 20.9.2018.

Bertholet, Ferry M., 2010, Concubines and Courtesans: Women in Chinese Erotic Art. Ferry M. Bertholet Collection. Brussels: Mercatorfonds, Seite 108-110.

Dittrick, Howard, 1952, Chinese Medicine Dolls. In: Bulletin oft he History of Medicine, vo. 26, Jan 1, Seite 422-429.

Harrison-Hall, Jessica, 2017, China. A History in Objects. London. Seite 285, 297, 315.

Kalka, Claudia und Uwe Haupenthal, 2017, Alt, aber aktuell: Eine neu entdeckte Hoppesteijn-Fayence aus dem Delft des 17. Jahrhunderts im Husumer Nordfriesland Museum. In: Nordelbingen, Band 86, Seite 54.

Unschuld, Paul U., 2013, Traditionelle Chinesische Medizin. München.

http://jamescahill.info/illustrated-writings/chinese-erotic-painting/chapter-5; letzter Aufruf 20.9.2018.

https://en.wikipedia.org/wiki/Jin_Ping_Mei; letzter Aufruf 20.9.2018.

https://www.mohma.org/instruments/category/misc_diagnostic/; letzter Abruf 20.9.2018.

https://de.wikipedia.org/wiki/Füßebinden_(China); letzter Abruf 20.9.2018.

https://de.wikipedia.org/wiki/Kinder,_Küche,_Kirche; letzter Abruf 20.9.2018.

https://wellcomecollection.org/works?query=chinese+medicine+doll; letzter Abruf 20.9.2018.

https://www.zacke.at/de/sammlung/16827/auktion-kunst-aus-asien-2015/eintrag/16877/doctors-lady; letzter Abruf 20.9.2018.

https://en.wikipedia.org/wiki/Canton_System; letzter Abruf 20.9.2018.

https://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Opiumkrieg; letzter Aufruf 20.9.2018.

http://chineseart.co.uk/tag/chinese-doctors-model/; letzter Aufruf 20.9.2018.

http://www.benjanssens.com/portfolio/ivory-erotic-figure-of-a-lady/; letzter Aufruf 20.9.2018.

https://www.skinnerinc.com/search?s=Doll+Reclining; letzter Aufruf 20.9.2018.

August 2018

Heimatmuseum Hohenweststedt (Inventarnummer AB 3049)

 

Ein ziemlich schräger Vogel

Ein wenig nach vorne geneigt, mit vorgestrecktem, leicht geöffnetem Schnabel und nach unten ausgebreiten Flügeln steht der Vogel auf seine Schwanzspitze und die leicht einwärts gekrümmten Füße gestützt. Er ist aus dem Horn eines Wasserbüffels gearbeitet, etwas mehr als 27 cm hoch und 18 cm breit und hat eingesetzte Augen aus Knochen und Holz. Das Horn ist so ausgewählt und bearbeitet worden, dass der gesamte Vogel eher bräunlich ist, die Schnabelspitze dagegen etwas heller. Die Flügel sind eingesetzt, der linke ist abgebrochen und fehlt. Auf Kopf, Rücken, Bauch, Flügeln und Schwanz ist der Vogel zusätzlich verziert. Feine Muster sind eingraviert, die nur zum Teil an Federn erinnern, wie zum Beispiel auf dem Kopf und an den Flügeln. Auf dem Rücken kreuzen sich zwei an den Flügelansätzen beginnende diagonal verlaufende Bänder mit einer Blüte über dem Kreuzungspunkt. Auf dem Bauch prangt eine diagonal karierte Krawatte, was nicht ohne Komik ist. Das Objekt stammt, wie Vergleichsbeispiele aus niederländischen Museen zeigen, aus Java. Es ist davon auszugehen, dass es als Souvenir gearbeitet wurde. Einfache aus Horn gearbeitet Vögel (ohne extra gearbeitete Flügel) gelangten bereits in der 1930er Jahren in die ethnologischen Museen der Niederlande. Vögel mit eingesteckten Flügeln wurden „vor 1964“ hergestellt und gesammelt. Diese Vögel weisen zwar ein ähnliches Diagonalmuster auf, allerdings scheint ihnen die Krawatte zu fehlen.

Die Krawatte kann auf vielerlei Arten gedeutet werden. Sie ist ein europäisches Kleidungsstück, das die niederländischen Kolonialherren getragen haben. Es bleibt zu erforschen, wer auf Java für das Tragen von Krawatten bekannt war, welcher Berufszweig, welcher indonesische Politiker, Schauspieler etc. Aus der Außensicht fallen einem - neben den Niederländern - die indonesischen Regierungschefs ein. Der erste Präsident, Sukarno, der ab 1945 regierte, herrschte ab 1959 zunehmend autoritär über Indonesien, während er gleichzeitig für die „die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und Emanzipation vom niederländischen Kolonialismus“ kämpfte (Frey 2002: 414). Der zweite, der Diktator General Suharto, gelangte 1966 nach einem Militärputsch und dem „Massaker in Indonesien 1965-66“ an die Macht. Wenn man davon ausgeht, dass der Tourismus in Zeiten des Bürgerkrieges stagnierte, wäre der Hornvogel mit seiner Krawatte vielleicht eine karrikaturhafte Form des Widerstandes/Protestes – gegen die (ehemaligen) Kolonialherren oder den zunehmend autoritären und korrupten Präsidenten und seine Minister oder einen Beamten.

 

 

Quellen:

Vergleichsobjekte: Tropenmuseum Amsterdam, Inv.Nr. TM-3404-23, TM-3404-24, TM-3404-25, TM-3404-25a

Frey, Marc, 2002, Drei Wege zur Unabhängigkeit. Die Dekolonialisierung in Indochina, Indonesien und Malaya nach 1945. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 50, Heft 3, S. 399-433 (abgerufen als pdf unter: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2002_3_3_frey.pdf, 30.8.2018).

Indonesien / Sukarno. Nummer ab. Der Spiegel, Nr. 10 (1967) (abgerufen unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46394457.html, 31.7.2018).

https://nl.wikipedia.org/wiki/Waterbuffel

https://www.bernerzeitung.ch/leben/style/vom-tuch-zum-schal-zur-krawatte/story/16261085

https://de.wikipedia.org/wiki/Krawatte

https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/nl-wissen/geschichte/vertiefung/entwicklung/dekolonisierung.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Sukarno

https://de.wikipedia.org/wiki/Suharto

https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_in_Indonesien_1965–1966

https://www.deutschlandfunkkultur.de/indonesien-vor-50-jahren-als-general-suharto-die-macht-an.932.de.html?dram:article_id=348020

 

Juli 2018

Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh (Inventarnummern  F 2004/040, F 2004/042, Kassenbuch der Firma Jantzen und Thormählen)

 

Die schöne Welt der Lobbyisten? - drei Objekte aus Frierichsruh

Die Hamburger Traditionsfirma C. Woermann ist bis heute für ihre Beziehungen nach Afrika bekannt. Zumindest in Fachkreisen weiß man auch um ihre Bedeutung für die Errichtung des deutschen Kolonialreiches in Afrika. Angeblich hat die Firma Woermann Reichskanzler Bismarck, einen überzeugten Gegner von Kolonien, „umgedreht“. Davon findet man in Friedrichsruh nichts. Unerwartet stößt man aber auf eine andere Hamburger Firma, die in der Kolonialzeit ebenfalls eine wichtige Rolle spielte, zu der aber bislang kaum geforscht wurde. Soweit bekannt ist, gründeten Wilhelm Jantzen und Johann Thormählen 1874 in Hamburg die Handelsfirma Jantzen & Thormählen. Beide hatten zuvor bei der Firma C. Woermann gearbeitet, Jantzen in Liberia und Thormählen in Gabun.  Innerhalb von kurzer Zeit avancierte ihre Firma zum Hauptkonkurrenten Woermanns und bestritt ein Viertel des Im- und Exports von Kamerun. Vermutlich importierten sie - wie die Hamburger Firma C. Woermann - u. a. Branntwein, Waffen und Schießpulver nach Kamerun und exportierten Elfenbein, Palmöl und Palmnüsse. Dennoch arbeiteten beide Firmen auch miteinander.  „Anfang 1884 nehmen die Niederlassungsleiter von C. Woermann und Jantzen & Thormählen in Abstimmung mit Reichskanzler Bismarck Geheimverhandlungen mit King Bell und Dika Akwa auf, um diese dafür zu gewinnen, das Deutsche Reich als Schutzmacht zu berufen“ (http://www.aanderud-consulting.com/uploads/PDF/Woermann-Festschrift%202012-10.pdf, S. 32). Am  12.7.1884 unterzeichnen die Duala-Könige Ndumb´a Lobe (bzw. König Bell)und Akwa den „Schutzvertrag“: „wir treten mit dem heutigen Tage unsere Hoheitsrechte, die Gesetzgebung und Verwaltung unseres Landes vollständig ab an den Herren Eduard v. Schmidt für die Firma C. Woermann, und Herrn Johannes Voss für die Firma Jantzen & Thormählen, beide  in Hamburg, welche seit vielen Jahren an diesem Flusse Handel treiben.“In der Folgezeit gründeten Jantzen & Thormählen eigene Plantagen. Ab 1885 ließen sie im heutigen Kamerun, Äquatorialguinea und Gabun Kakao und Kaffee anbauen, später auch Kautschuk, Tabak und Bananen. Allein am Kamerunberg „besaßen“ sie nach Enteignung und Vertreibung der Bewohner 90.000 Hektar Land. 

Im Museum der Otto-von-Bismack Stiftung befinden sich 13 Fotos mit Verweis auf die Firma Jantzen & Thormählen sowie ein Kassenbuch ebendieser Firma. Die mit einem breiten weißen Rahmen versehenen Fotos weisen auf der Rückseite in der Regel zwei verschiedene Handschriften auf. Die obenstehende und in Tinte geschriebene Zeile erklärt das auf der Vorderseite Abgebildete, wie z.B.  „Mein Wohnhaus in Eloby“ oder „Beach vor der Factory in Malimba“.  Darunter befindet sich mit Bleistift ein erklärender Zusatz, der bei allen Fotos auf die Faktoreien „der Firma Jantzen + Thormählen“ verweist. Sieben Fotos stammen aus „Eloby“, drei aus „Malimba“, zwei aus „Gabun“, und je eines aus „Bata“ und „Big Batanga“. Die Fotos aus Gabun zeigen auf der Rückseite den Stempel des Fotografen: „F. W. Joaque, Photographer, Gaboon“. Auf zwei Fotos, die in der Faktorei auf der Kleinen Elobey-Insel (Elobey Chico, Äquatorialguinea) gemacht wurden, sind die abgebildeten Menschen deutlich zu erkennen. Die rückseitige Beschriftung weist sie als „Kroo“ aus. Das ist im ersten Moment erstaunlich, denn die Kru stammen von der Küste Liberias, die von Elobey Chico gute 2.300 km Luftlinie entfernt liegt. Bei genauerem Hinsehen eröffnet sich eine erstaunliche Geschichte innerafrikanischer Arbeitsmigration. Die als „Krooboys“ oder „Krumen“ bezeichneten Kru wurden seit dem 18. Jahrhundert von den Europäern als Seeleute angeheuert. Sie hatten unter den Europäern einen guten Ruf, galten sie doch als stark, gewissenhaft und fleißig. Im 19. Jahrhundert wurden sie als ungelernte Arbeitskräfte von europäischen Händlern oder Kolonialbeamten angeworben, meist mit ein- oder zweijährigen Verträgen. Allerdings machten es sich die Europäer sehr einfach, denn unabhängig von ihrer wahren Herkunft/Ethnie bezeichneten sie alle in Liberia angeworbenen Arbeiter als „Kru“. Jane Martin nennt sieben verschiedene Ethnien, die als „Krooboys“ bezeichnet wurden. Sie konnte auch zeigen, dass sich bei dem Stamm der Grebo vor allem die jungen Männer anwerben ließen, die der kinibo-Altersklasse angehörten. Von den Mitgliedern dieser Altersgruppe wurde erwartet, dass sie ein Training für das spätere Leben absolvierten. Traditionell wurde darunter die Vorbereitung auf den Kriegerstatus verstanden (die Grebo, Kru und andere Ethnien führten mehrfach bewaffnete Widerstände gegen die US-Liberianer), offensichtlich kam die Zeit im Dienst von Europäern dem gleich. Die „fleißigen“ und „geschätzten“ „Krooleute“ verfolgten mit ihrer Anwerbung also durchaus eigene Ziele. 

Das aufgeschlagene Kassenbuch der Firma Jantzen & Thormählen, das in der gegenwärtigen Ausstellung der Bismarck-Stiftung zu sehen ist, weist einen interessanten Posten auf, der in der Forschung bislang nur wenig Beachtung gefunden hat: der Verkauf von „eth[n]ogr. Gegenstände[n]v. Kamerun“ als Zusatzverdienst der Handelshäuser. Um welche Gegenstände es sich handelte, von wem und wie sie erworben wurden, ist dem kurzen Eintrag nicht zu entnehmen, ebenso wenig wie eine Aussage, an wen die Objekte verkauft worden sind. Das bleibt Gegenstand weiterer Nachforschungen, die genauso wünschenswert wären, wie eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Firma selbst.

 

Quellen:

Aanderud, Kai-Axel, 2012, Immer wieder Afrika what else?. 175 Jahre // years C. Woermann – 1837-2012. Herausgegeben von Volker Kuppe und Detlev Woermann. Hamburg. (abgerufen unter: http://www.aanderud-consulting.com/uploads/PDF/Woermann-Festschrift%202012-10.pdf, 30.7.2018).

Martin, Jane, 1985, Krumen „Down the Coast“. Liberian Migrants on the West African Coast in the 19th and Early 20th Centuries. In: The International Journal of African Historical Studies, Vol. 18, No. 3, S. 401-423. (abgerufen unter: https://www.jstor.org/stable/218646?read-now=1&loggedin=true&seq=1#page_scan_tab_contents, 28.7.2018).

Rudin, Harry R. 1938, Germans in the Cameroons 1884-1914. A Case Study in Modern Imperialism. New Haven, Yale University Press. (abgerufen unter:https://archive.org/stream/germansincameroo00rudi/germansincameroo00rudi_djvu.txt, 27.8.2018).

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Jantzen_%26_Thormählen

https://en.wikipedia.org/wiki/Jantzen_%26_Thormählen

https://www.deutsche-biographie.de/sfz36998.html

https://de.wikipedia.org/wiki/King_Bell

http://www.afrika-hamburg.de/globalplayers3.html

http://www.afrika-hamburg.de/globalplayers2.html

http://www.bpb.de/apuz/202989/bismarck-und-der-kolonialismus?p=all

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/kolonialpolitik.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Liberias#Auf_dem_Weg_zur_Unabhängigkeit

https://www.petervogenbeck.de/articles/articledocs/Kamerun/Woermann_Schmidt.pdf

Juni 2018

Dr. Carl-Häberlin-Friesen Museum (Inventarnummer S 152)

 

Entfernungsrekord geschlagen! Über 15.000km von Schleswig-Holstein entfernt

15.841 km Luftlinie bis Schleswig-Holstein

Das vorgestellte Objekt hält in unserem Projekt einen Entfernungsrekord: Sein Ursprungsort liegt 15.841 km entfernt in der Südsee. Es handelt sich um ein sisioder vuasagale genanntes Halsband von den Fidschi-Inseln. Es ist aus acht gelochten Pottwalzähnen gefertigt, die mit einer Schnur aus Kokosfaser verbunden sind. Die Schnur weist allerdings Reparaturen mit einer helleren Faser auf. Der längste Zahn misst 10 cm. Die Kette ist von heller, natürlicher Farbe und scheint daher „neueren“ Datums zu sein.

Annäherung 1:  Der Pottwal und seine Zähne  Pottwale kamen/kommen in die polynesischen Gewässer, um sich dort zwischen Juni und August fortzupflanzen. Sie gehören zu den Zahnwalen und besitzen je nach Größe und Alter zwischen 25 und 50 Zähne auf dem Unterkiefer. Die größten sind etwa 20 cm lang und wiegen bis zu 1 kg. Die Pottwale wurden von den Polynesiern nicht gejagt. Die Zähne stammten von toten Tieren, die gelegentlich an den Stränden anlandeten, vor allem an den Stränden von Tonga. Interessanterweise waren die Zähne aber vor allem im weit entfernten Fidschi begehrt. Da sie dementsprechend wertvoll waren, wurden sie nur von hochgestellten Persönlichkeiten getragen. Die großen Zähne wurden einzeln an Schnüren befestigt, die kleineren zu Ketten verarbeitet. Vor allem erstere wurden sorgsam gepflegt und z. B. mit Kokosöl eingerieben oder geräuchert, um ihnen einen braunen Schimmer zu geben. Auch erhielten sie bisweilen individuelle Namen. Vor allem aber waren sie wertvolle Gaben bei wirtschaftlichen oder sozialen Transaktionen. Auch heute noch spielen sie eine wichtige Rolle bei Heiraten oder werden hochgestellten Persönlichkeiten verliehen, wie z. B. der Königin von England. Auch Ketten aus mehreren Zähnen waren ein wertvoller Besitz. Sie zeigten den Rang seines Trägers an und wurden unter den Häuptlingen „getauscht“, um sich militärische oder politische Unterstützung zu sichern.

Annäherung 2: Die Beziehungen zwischen Tonga und Fidschi  Knapp 770 km trennen Tonga von Fidschi (zum Vergleich: Flensburg und München sind 754 km Luftlinie voneinander entfernt). Ein heutiges Schiff mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 Knoten (18,52 km/h) benötigt für diese Strecke fast 2 Tage. Für die Bewohner beider Inseln war diese Entfernung kein Hindernis. Vielmehr herrschte ein reger Handelsverkehr mit hochseegängigen Booten, die mit ihren geflochtenen Segeln eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Knoten erreichten. Allerdings stammte das Holz der tongaischen Schiffe aus Fidschi und war Bestandteil der fidschianischen Handelsgüter, während die Tongaer u. a. die begehrten Walzähne mit sich führten. 

Annäherung 3: Walfänger und Händler im Südpazifik  1788/89 begannen die Europäer mit dem kommerziellen Walfang im Südpazifik. Von 1820 bis etwa 1860 waren vor allem US-amerikanische und britische Walfangschiffe in den Gewässern von Fidschi unterwegs. Um sich mit Frischwasser und Nahrungsmitteln zu versorgen oder um neue Crewmitglieder anzuwerben, liefen sie die Häfen nahegelegener Inseln an, so auch die auf den Fidschi-Inseln. Bereits 1804 setzte ein Sandelholzboom ein, später folgten Seegurkenhändler und Baumwollpflanzer. Sie alle wurden auf Fidschi schnell mit dem Wert der Walzähne konfrontiert, die als Bezahlung oder als Geschenk zur Eröffnung von Verhandlungen verlangt wurden. So kam es, dass die Handelsschiffe oft Hunderte von Walzähnen mit sich führten und die Summe der auf Fidschi kursierenden Walzähne und Walzahnketten anstieg. Parallel dazu entwickelte sich der Ort Levuka auf der Insel Ovalau zu einem bedeutenden Handelsplatz, in dem vermutlich auch Ethnographica als Andenken an die Seeleute verhandelt wurden.

Annäherung 4: Von Fidschi nach Deutschland  Leider ist der Name dessen, der die Kette dem Museum übergegeben hat, nicht überliefert. Daher sind die genaueren Umstände des Erwerbes nicht bekannt. Hier sind verschiedene Szenarien denkbar: Ausgehend von der Bedeutung der Ketten auf Fidschi, kann sie nicht jedem Beliebigen überreicht worden sein. Hat der Sammler sie verliehen bekommen, weil man sich erhoffte, er ginge mit der Annahme des Geschenks eine Verpflichtung ein? Wenn ja, wird er kein einfacher Matrose gewesen sein, sondern eher ein regelmäßig erscheinender Kapitän oder ein ansässiger Händler etc..  Anders sieht es aus, wenn die Kette in einem Geschäft im Hafen erstanden wurde. So ist bekannt, dass der britische Fotograf Francis Dufty, der sein Studio in der Stadt Levuka hatte, auch mit „Kunstgewerbe“ handelte und ethnographische Gegenstände u.a. als Requisiten nutzte. Eher unwahrscheinlich dagegen ist das Szenario, unrechtmäßig an diesen wertvollen und gut behüteten Gegenstand gelangt zu sein. 

 

Literatur

Brown, Deidre und Peter Brunt, 2012, After Lapita: Voyaging and Monumental Architecture c. 900 BC – c. AD 1700. In: Brunt, Peter, Nicolas Thomas, Sean Mallon et.al., 2012, Art in Oceania. A New History. London. S. 64.

Grijp, Paul van der, 2007, Tabua Business: Re-circulation of Whale Teeth and Bone Valuables in the Central Pacific. In: The Journal of the Polynesian Society, Bd. 116: S. 341-356.

Grijp, Paul van der, 2009, Art and Exoticism: An Anthropology of the Yearning for Authenticity. Münster. S. 270-273.

Neich, Roger und Fuli Pereira, 2004, Pacific Jewelry and Adornment. Honolulu, S. 18, 140, 141.

Thode-Arora, Hilke, 2001, Tapa und Tiki. Die Polynesien-Sammlung des Rautenstrauch-Joest Museums. Köln, S. 290.

Vanderstraete, Anne, 2016, Monnaies. Objets d’Échange. Genève, S. 196.

 

Historisches Foto eines Mannes aus Fidschi mit einer Wahlzahnhalskette: https://museumsvictoria.com.au/fiji/details.aspx?pid=764&Mode=ByKeyword&Topic=

Foto: Queen Elizabeth bekommt einen tabua-Zahn überreicht, siehe http://www.numismaster.com/ta/numis/Article.jsp?ArticleId=28290

 

https://museumsvictoria.com.au/fiji/details.aspx?pid=866&Mode=ByKeyword&Topic=

http://collectie.wereldculturen.nl/Default.aspx#/query/0ead484f-f954-43c7-874a-3e52f0720fe0

https://www.youtube.com/watch?v=9r7phYtK16I

http://www.nzmuseums.co.nz/account/3032/object/49644/whale-tooth-pendant-tambua

https://sea-distances.org/

https://www.fortross.org/lib/70/a-brief-history-of-pacific-coast-whaling.pdf

https://www.nytimes.com/2017/04/11/world/asia/suva-fiji-tabua.html

https://www.fijimarinas.com/whales-in-fijian-culture/

https://www.doc.govt.nz/Documents/conservation/native-animals/marine-mammals/whales-in-the-south-pacific.pdf

http://nzetc.victoria.ac.nz/tm/scholarly/tei-BesCano-t1-body-d6-d2-d12.html

https://core.ac.uk/download/pdf/5101737.pdf

http://www.jps.auckland.ac.nz/docs/Volume122/JPS_122_2_03.pdf

https://www.royalcollection.org.uk/collection/60250/tabua

http://virtual.fijimuseum.org.fj/index.php?view=gallery&id=5

http://maa.cam.ac.uk/category/fiji-home/duftys-photo-studio/

 

Mai 2018

Tuch und Technik Museum Neumünster 

 

Faszination Peru/Anden II: Textilien

Aufgrund der klimatischen Bedingungen in den peruanischen Wüstengebieten haben sich viele vorspanische Textilien in Peru erhalten. Weit mehr als nur funktionale Bekleidungsstücke, die für den Eigenbedarf produziert wurden, waren sie Handelsware, Entlohnung von Soldaten, Geschenke zwischen Herrschern, Opfergegenstände, Grabbeigaben etc. Auch Status und Beruf seines Trägers wurden mit Textilien ausgedrückt.

Was die Fertigung angeht, zeugen die Textilien von der hohen Könnerschaft und technischen Brillanz der Weberinnen und Weber, die diese Kunstwerke an - aus westlicher Sicht – „einfachen“ und mobilen Rückenwebstühlen gefertigt haben. Einer dieser Webstühle aus der Inkazeit wurde 1615 in der Chronik von Guaman Poma de Ayala abgebildet.

 Als Materialien benutzten die Weberinnen und Weber sowohl Wolle (von Lama, Alpaca etc.) als auch Baumwolle. Sie verwendeten sie entweder in ihren zahlreichen Naturtönen oder färbten sie ein. So zum Beispiel gewannen sie bereits 1.500 Jahre vor den alten Ägyptern aus Indigo Blautöne.

Eine besondere textile Technik ist das „Umfassende Verschlingen“ („cross-knit looping“). Mit ihr wurden dreidimensionale Borten hergestellt und an Tüchern befestigt, die i.d.R. an Kopfbedeckungen von Mumienbündeln nachzuweisen sind. Das abgebildete Beispiel, das aus der frühen Nasca-Kultur stammt (Early Nasca Phase, 90 – 325 n.Chr.), ist nur ein kurzes Teilstück einer solchen Borte. Deutlich sind in – immer noch - leuchtenden Farben kleine Kolibris zu erkennen, die aus Blüten Nektar saugen. 

Die Begeisterung für Textilien aus den Anden ist ungebrochen. Auch viele neuere Textilien fanden und finden ihren Weg in die Museen. Stellvertretend ist hier ein Beutel zur Aufbewahrung von Coca-Blättern gezeigt. Er wurde vermutlich um 1940 hergestellt. Auch wenn das Maschenbild dem oben gezeigten Objekt ähnelt, der wollene Beutel ist in einer ganz anderen Technik hergestellt: Er wurde gestrickt. Diese Technik wurde von den Europäern übernommen.  Das Muster zeigt drei breitere weißgrundige Reihen, die mit menschlichen und tierischen Motiven gefüllt sind. In der Mitte sind Männer und Frauen zu sehen, die sich an den Händen halten. Eingerahmt werden sie von je einer Reihe mit stattlichen Stieren. Die ersten Tiere dieser Art wurden im heutigen Gebiet von Bolivien um 1548 von den Spaniern eingeführt und verbreiteten sich schnell über das Hochland. 

 

 

Literatur

 

https://www.pbs.org/newshour/science/blue-jeans-6000-year-old-peruvian-ancestor

https://acllahuasi.com/en/articulos-investigaciones/anillado-cruzado/

http://art.famsf.org/knit-bag-chuspa-1992107171

https://de.scribd.com/document/322910779/Bovino-Criollo

Paul, Anne, 2007, Diversity and Virtuosity in Early Nasca Fabrics. In: Andean Past, Vol. 8: S. 375-406. Abgerufen als pdf unter:

https://digitalcommons.library.umaine.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=https://www.google.de/&httpsredir=1&article=1138&context=andean_past

 

Bjerregaard, Lena und Torben Huss, 2017, PreColumbian Textiles in the Ethnological Museum in Berlin. University of Nebraska Press. Abgerufen als pdf unter: https://digitalcommons.unl.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1052&context=zeabook

Fotonachweis: Guaman Poma de Ayala, Phelipe, 1615, Nueva corónica y buen gobierno. Dibujo 80, S 215(217).http://www.kb.dk/permalink/2006/poma/217/es/text/?open=idp267968

April 2018

Skatclub e.V. Marne, Nolde Stiftung Seebüll und Industriemuseum Elmshorn 

 

Faszination Peru I

Erstaunlich häufig finden sich Objekte aus Alt-Peru in den bisher besuchten Museen. Bisweilen gehören sie zum so genannten „Altbestand“ und waren bereits vor der offiziellen Gründung der Museen im Objektbestand vorhanden. Sie stammen oft von Sammlern, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Peru lebten und arbeiten und sich für die Kultur ihrer neuen Heimat begeisterten. Es ist nicht auszuschließen, dass sie als Mitglieder der deutschen Gemeinschaft oder des Clubs Germaniain Lima Interesse an und Zugang zu den Arbeiten der deutschen Archäologen hatten, die in Peru tätig waren und die Archäologie Perus begründeten. Hervorzuheben wären hier Wilhelm Reiß und Alphons Stübel, die ersten Ausgräber im Gräberfeld von Ancón (1874/75) und Max Uhle in Nasca (1906) bzw. in Chimú (1913). 

Die schwarzgebrannte Keramik stammt von Angehörigen der Chimú-Kultur. Das Reich der Chimú entwickelte sich seit etwa 1100 n. Chr. an der peruanischen Nordküste und wurde etwa  im Jahr 1470 von den Inka besiegt. Die Hauptstadt Chan-Chan gilt mit ihren bis zu 100.000 Einwohnern als größte vorspanische Stadt Südamerikas. Ihre Ruinen wurden 1986 zum Weltkulturerbe erklärt. Typisch für die mit Modeln hergestellte Keramik von Chimú sind Verzierungen mit Flachreliefs auf gepunkteten Untergründen. Dieser Stil wurde auch nach der Eroberung durch die Inka weitergepflegt. In den vorgestellten Beispielen sind Schlangen und Seevögel zu erkennen.  Letztere, die das Land mit dem wichtigen Guano-Dünger versorgten, galten als Zeichen der Fruchtbarkeit.

Die bunten Gefäße stammen aus der Nasca-Kultur (200 v. Chr. – 650 n.Chr.), die sich in der südperuanischen Küstenwüste entwickelte, einer der extremsten Klimaregionen der Erde. Berühmt sind die „Nasca-Linien“ genannten Geoglyphenin der Wüste, auch sie sind Weltkulturerbe. Die bunte Keramik von Nasca weist eine reiche Bildsprache auf, die Rückschlüsse auf Lebensweise und Glaubensvorstellungen dieser Kultur gibt. Auch zahlreiche Darstellungen von Tieren, meist Vögel, sind zu finden. Die Malereien sind so detailgenau, dass mehr 20 verschiedene Vogelspezies bestimmt werden konnten. Das erste Beispiel zeigt einen Kolibri, das zweite eine (noch) nicht bestimmte andere Vogelart.

 

Die hier gezeigten Objekte stammen aus folgenden Museen: Marne, Seebüll und Elsmhorn

 

Weiterführende online Literatur und Quellen:

http://www.museodeancon.com/arqueologiaenancon-investigaciones.htm

https://australianmuseum.net.au/chimu-pottery-and-its-meaning

https://www.khanacademy.org/humanities/art-americas/south-america-early/chim-culture/a/introduction-to-the-chim-culture

Pardo, Cecilia und Peter Fux, 2017, Nasca-Peru. Archäologische Spurensuche in der Wüste. 

Proulx, Donald A., 2006, A Sourcebook of Nasca Ceramic Iconography. University of Iowa Press.

März 2018

Haus der Natur in Cismar (Inventarnummer Cis 7)

 

Der Krieg der Schnecken

Das März-Objekt, das sich im Haus der Natur in Cismar befindet, entführt uns diesmal in die Südsee, genauer gesagt nach Französisch-Polynesien, auf die Inseln Huahine, ca. 175 km nordwestlich von Tahiti. Huahine besteht aus 10 Inseln und wurde 2007 von knapp 6.000 Menschen bewohnt. Die zwei Hauptinseln Huahine Nui und Huahine Iti, sind Vulkaninseln, die bis zu 669 m und 460 m hoch sind. Dort – und nur dort - lebte die nachaktive Baumschnecke Partula rosea. Die Schnecke ist, wie die Biologen sagen, endemisch in Huahine. Aus leeren Schnecken und Muschelgehäusen fertigten die Bewohner Schmuckketten, zum Eigengebrauch, aber auch als Geschenke und zum Verkauf an Touristen. 1992 erhielt das Haus der Natur in Cismar eine Kette aus den Gehäusen der kleinen Landschnecke als Geschenk von Elisabeth Kersten, die sie, leider ohne weitere Datierung, aus Huahine mitgebracht hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die kleine Baumschnecke bereits in ihrem Bestand gefährdet. Denn in den 1970er Jahren wurde die aus Amerika stammende fleischfressende Rosige Wolfsschnecke, Euglandina rosea (Gehäuselänge max. 10 cm), auf Huahine eingeführt, die ihrerseits die sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg im Pazifik ausbreitende afrikanische Große Achatschnecke, Achatina fulica (Gehäuselänge 15 cm), dezimieren sollte. Dies tat sie kaum, denn die kleinen einheimischen Partula-Arten waren als Beute viel verlockender als die riesigen zähschleimigen Achatschnecken. Heute ist die kleine Baumschnecke Partula rosea in freier Wildbahn ausgestorben. Die Art lebt nur noch in Erhaltungszuchten in wenigen Zoos. Bei einer im Sommer 2017 durchgeführten Untersuchung auf Huahine konnte keine Euglandina-Schnecke mehr gefunden werden, allerdings frische Gehäuse von Achatina auf einer landwirtschaftlich genutzten Fläche. Die Wolfschnecke hat auf den Pazifischen Inseln 52 Partula-Schneckenarten komplett ausgerottet, 11 weitere überlebten nur in menschlicher Obhut.

Die „harmlose“ an Touristen verkaufte Kette erzählt von der anderen Seite der Globalisierung, von unbedachten Eingriffen in natürliche Ökosysteme und von der Ausrottung seltener Arten.

Tipp: Im Frühjahr 2018 wird in Cismar eine kleine Sonderausstellung über bedrohte Schnecken- und Muschelarten eröffnet, in der mehr über Partula rosea und ihr Schicksal zu erfahren sein wird.

 

Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Huahine

https://www.telegraph.co.uk/news/uknews/1579508/The-little-snail-in-big-trouble.html

http://www.iucnredlist.org/details/16293/0

https://islandbiodiversity.com/Partulacons.htm

https://islandbiodiversity.com/euglandina.htm

https://islandbiodiversity.com/Partula2017.htm

 

 

Februar 2018

Überseemuseum Fehmarn (Inventarnummer GÜ280):

 

Falschgeld made in … China, Japan, Germany?

Was wertvoll ist, läuft Gefahr, gefälscht zu werden. Ob der 50 Euro-Schein heute oder chinesisches Ming-Porzellan im 17. Jahrhundert: künstlerische und technische Fähigkeiten gepaart mit krimineller Energie bringen - vereinfacht - entweder Geld oder Gefängnis.  Auch die Kolonialgeschichte ist voll von Wirtschaftsverbrechen. Falschgeldherstellung und Inumlaufbringen von Falschgeld ist eines davon. Geahndet wurden sie nie, doch zumindest gelang es nicht immer, die indigene Bevölkerung zu hintergehen und zu täuschen.

In vielen Teilen der Welt war die Meeresschnecke Cypraea moneta bzw. Monetaria moneta - auch als Kaurischnecke bekannt - die Währung schlechthin. Sie war fälschungssicher, leicht und doch schwer zerbrechlich, von Ozeanien bis Afrika als Währung anerkannt und nicht anfällig für Korrosion, bis, ja bis die Hamburger Firma Adolph Jacob Hertz Söhne auf die Idee kam, die kleinen Geldschnecken durch eine größere Art (Cypraea annulus) zu ersetzen, sie in Sansibar, wo sie zum Kalkbrennen benutzt wurde, aufzukaufen und versuchsweise auf den westafrikanischen Markt zu bringen. Es glückte, sie verdienten reichlich Gold und bekamen mit der Hamburger Firma Wilhelm O’swald & Co. einen Geschäftskonkurrenten. Innerhalb von 15 Jahren fluteten sie Westafrika mit 150 bis 200 Tonnen dieser Schnecken, brachten zuletzt immer schlechtere Exemplare auf den Markt und lösten eine Hyperinflation aus.

Etwas Ähnliches passierte auch auf den zu Papua Neuguinea gehörenden Admiralitätsinseln. Hier wie an anderen Orten Papua Neuguineas galten Hundezähne als Währung – vor allem bei rituellen Zahlungen wie Brautpreisen etc.. „Findige“ Händler importierten Anfang des 20. Jahrhunderts Hundezähne aus der Türkei und China, was schon vor 1914 auf den Admiralitätsinseln zu einem Preisverfall führte. Eine zeitgleich verlaufende andere Form der Falschmünzerei hatte anscheinend keinen Erfolg. Die Fälschungen waren zu schlecht, um von der lokalen Bevölkerung ernst genommen zu werden. Es handelt sich um den Versuch, die Hundezähne in Porzellan nachzumachen. Es lässt sich im Augenblick nicht mehr feststellen, wann die Zahnkopien erstmalig eingeführt wurden, vermutlich aber von deutschen Plantagenbesitzern, die damit ihre indigenen Arbeiter entlohnen wollten. Später scheinen Chinesen und Japaner auf die gleiche Idee gekommen zu sein. Fest steht nur, dass in diesem Fall künstlerisches Können und kriminelle Energie auseinanderklafften: Die Zahnkopien wurden nicht als ernst zu nehmende Währungseinheit gewertet, auch wenn man sie als dekoratives Element verwendete. Bei der Fehmarner Kette(?) kann man, inmitten von 40 geldwerten Hundeeckzähnen, sehr schön die zwei Porzellanzähne erkennen, denen man sofort ansieht, dass sie unecht sind und die nur der Verzierung dienten.

 

Literatur:

Bückendorf, Jutta

1997    „Schwarz-weiß-rot über Ostafrika!“ Deutsche Kolonialpläne und afrikanische Realität. Münster, S. 152.

Daalder, Truus

2009    Ethnic Jewellery and Adornment. Australia, Oceania, Asia, Africa. Adelaide, Melbourne, S. 127.

Einzig, Paul

1961 [1949] Primitive Money in its Ethnological, Historical and Economic Aspects. London. S. 69- 72, 75- 79, 90.

(https://archive.org/stream/in.ernet.dli.2015.190322/2015.190322.Primitive-Money#page/n71/mode/2up)

Neich, Roger und Fuli Pereira

2004    Pacific Jewelry and Adornment. Honolulu.S. 19, 52, 53

Ohnemus, Sylvia

1996    Zur Kultur der Admiralitäts-Insulaner: die Sammlung Alfred Bühler im Museum für Völkerkunde Basel. Basel.

Stuhlmann, Franz

1909    Beiträge zur Kulturgeschichte von Ostafrika. Allgemeine Betrachtungen und Studien über die Einführung und wirtschaftliche Bedeutung der Nutzpflanzen und Haustiere mit besonderer Berücksichtigung von Deutsch-Ostafrika. Berlin. S 782-789.

(https://archive.org/stream/beitragezurkultu00stuh#page/782/mode/2up)

 

https://www.welt.de/finanzen/article161574101/Eine-Euro-Note-wird-besonders-oft-gefaelscht.html

keramische Nachbildungen von Armringen aus Tridacna gigas: https://www.jstor.org/stable/42905915

http://www.solomonencyclopaedia.net/biogs/E000191b.htm

 

Januar 2018

Museum für Archäologie und Ökologie Dithmarschen (Inventarnummer New Jersey a-f)

 

Bevor die Europäer kamen: steinerne Zeugen indianischer Vergangenheit in Albersdorf

Eine kleine Plastiktüte mit sechs grauschwarzen Pfeilspitzen, die zwischen 2,1 cm bis 4 cm lang und 1,7 cm bis 2,9 cm breit sind. Dazu ein handschriftlicher Zettel mit Text: „All points from Sussex County, New Jersey; 3 Triangle points from 250 to 1200 years old, 3 shoulder points rangeing in age from 900 years to 3500 years, all points are made from flint, founded by Bob Dunay“ und auf der Rückseite ist in anderer Handschrift geschrieben: „übergeben Hubert Noel[….]“. Sussex County ist das nördlichste und bergreichste County New Jerseys, es liegt quasi hinter der Stadt New York, an der Grenze zu den Bundesstatten New York und Pennsylvania. Es umfasst 1.388 Quadratkilometer und ist damit etwa so groß wie der Kreis Segeberg. Der deutschstämmige Max Schrabisch (1869-1949), der in seinen Zwanzigern in die USA auswanderte, gilt als der erste professionelle Archäologe New Jerseys. Er stellte im Sussex County 234 prähistorische indianische Wohnstätten fest, 25 „rock shelter“, sowie Begräbnisstätten und anderes mehr und konnte zeigen, dass seit dem Ende der Eiszeit Indianer in Sussex County gelebt haben. Sie waren die Vorfahren der Lenape, was übersetzt „wahre Menschen“ bedeutet, und die bei uns bekannter sind unter dem Namen „Delawaren“.

Die ausgewählten Steinspitzen erzählen eine für uns erstaunliche Geschichte von Indianern und Pfeil und Bogen. Dies bildet zwar in unseren Köpfen eine feste Einheit, tatsächlich aber wurde der Bogen nicht immer und überall genutzt. Die Spitzen New Jersey a-c gehören dem Bare Island-Typ an und entstanden zwischen 2.000 vor bis 1.000 nach Chr. Sie waren für Speere gedacht, die mittels eines Speerwerfers geschleudert wurden. Die Spitzen d-f dagegen wurden mit dem Bogen abgeschossen, der im östlichen Waldland Amerikas erst um etwa 500 -750 n. Chr. nachzuweisen ist (Justice 1987: 10). Zu dieser Zeit waren die Indianer mobile Gartenbauern und pflanzten die aus dem Süden gekommenen „heiligen drei Schwestern“ Mais, Bohne und Kürbis an. Der Ertrag von Jagd und Fischfang sowie wilde Beeren, Erdnüsse und Gemüse ergänzten den Speiseplan. Auch Tabak wurde angebaut. Die Bevölkerung wohnte in runden Wigwams mit Kuppeldach oder in großen Langhäusern. Erste Kontakte mit den Europäern gab es vermutlich schon im frühen 16. Jahrhundert. Man schätzt, dass etwa 15.000 Lenape vor der Ankunft er Europäer in New Jersey lebten. Im Jahr 2000, bei der letzten Volkszählung, waren nur 0,11% der Bevölkerung New Jerseys Indianer, also 9.255 Menschen.

 

Literatur:

Justice, Noel D.

1987    Stone Age Spear and Arrow Points oft he Midcontinental and Eastern United States. A modern survey and reference. Bloomington. S. 10, 128, 129, 215-217, 228.

Ritchie, William A.

1961    A Typology and Nomenclature for New York Projectile Points. New York State Museum and Science Service, Bulletin Number 384, Albany, S. 14-15,28, 31-32, Plates 2, 3, 12, 15.

Schrabisch, Max

1915    Indian Habitations in Sussex County New Jersey. Bulletin 13. Geological Survey of New Jersey. S 7-73.

 

http://www.njherald.com/20161120/sussex-countys-native-american-legacy#//

https://newjerseyarchaeology.wordpress.com/2015/12/11/max-schrabisch/

http://www.njskylands.com/hs_lenape_083

http://www.pdcbank.state.nj.us/dep/njgs/enviroed/oldpubs/bulletin13.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Lenni_Lenape

http://www.state.nj.us/state/museum/dos_museum_exhibit-original-people.html

http://www.nj.gov/dep/hpo/1identify/pg_139_LateWdlndPeriodNJKraft_Mounier.pdf

https://de.wikipedia.org/wiki/Lenni_Lenape

http://www.womenhistoryblog.com/2008/02/native-americans-of-new-jersey.html

Dezember 2017

Nordfriesland Museum Husum. Nissenhaus (Inventarnummer o.Nr. 1491)

 

Ein Werbegeschenk klärt auf

Der Fächer o.Nr. 1491 aus Husum

Schon oft habe ich mich gefragt, warum unter den kolonialen Andenken aus Ostasien so viele Objekte aus Japan sind. Der Fächer o.Nr. 1491 aus Husum hält eine überraschende Antwort auf die Frage bereit. Der 40,7 cm hohe und 22,3 cm breite beidseitig bedruckte japanische Flachfächer aus Papier zeigt auf der einen Seite eine Geige spielende Japanerin. Die andere Seite wartet mit einer Überraschung auf. Unter dem Portait des japanischen Admirals Tōgō Heihachirō (1848-1934) und dem Bild eines modernen Kriegsschiffes steht in Mayuskeln: „T. Takahashi. Photograph. Tsingtau“. Tatsächlich ist das Photoatelier T. Takahashi ab 1902 in den Adressbüchern des Deutschen Kiatschou-Gebietes nachweisbar, zunächst in der Kiautschoustraße, ab 1905 mit einer zusätzlichen Zweigstelle in der Hohenzollernstraße und ab 1907 in der Friedrichstraße und 1941 in der Shantung Road. Takahashi Tokuo war 1904 einer von 152 Japanern, die in der Stadt ihren Geschäften nachgingen (1913: 205). Neben dem Photogeschäft, das bis zu 6 Photographen beschäftigt hatte, konnte man aber auch „Aquarellmalereien, Stickereien und Japanwaren“ erstehen. Takahashi war aber nicht das einzige Geschäft, das „Japanwaren“ in der chinesischen Stadt vertrieb, 1914 gab es mindestens fünf davon. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Erinnerungen von Jacob Neumaier an seine Rückkehr aus japanischer Gefangenschaft, die ihn über Qingdao (Tsingtau) führte. Er schreibt: „Wir gingen noch zu Takahashi, dem japanischen Photographen und Raritätenhändler, bei dem wir in Friedenszeit meist unsere Andenken an China und japanische Bilder, Seidenstickereien, Postkarten und Lackwaren einkauften. Er empfing uns selbstverständlich äußerst höflich. Wir kauften kleine Andenken und er schenkte uns noch Postkarten, Fächer, und andere Kleinigkeiten“ (http://www.tsingtau.info/index.html?biographien/neumaier8.htm). Bei dem Husumer Fächer dürfte es sich um eines ebenjener Werbegeschenke handeln. Und zugleich wäre geklärt, dass so manches Andenken aus dem ehemaligen Tsingtau (Qingdao) aus einem japanischen Geschäft stammte und – wie der Fächer – japanischen Ursprungs war. Da es vermutlich sehr viele Fächer dieser Art gegeben haben wird, sie aber Gebrauchs- und Wegwerfobjekte waren, grenzt es an ein kleines Wunder, dass sich der Fächer erhalten hat. Und er regt an, sich genauer mit der internationalen Zusammensetzung kolonialer Städte zu beschäftigen.

 

Literatur

Matzat, Wilhelm

1998    Alltagsleben im Schutzgebiet. Zivilisten und Militär, Chinesen und Deutsche. S. 106-120. In: Hinz, H.M. und C. Lind: Tsingtau. Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China 1898-1914. Deutsches Historisches Museum.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Tōgō_Heihachirō

http://www.tsingtau.info/index.html?vorkrieg/bevoelkerung13.htm

http://www.tsingtau.info/index.html?biographien/neumaier8.htm

aktuelle Fächerherstellung: https://artsandculture.google.com/exhibit/tgICmVa4iH4rIQ

November 2017

Nordfriesland Museum Husum. Nissenhaus (Inventarnummer Mal11)

 

Ein benutzter „Zauberstab“, Tunggal panaluan, der Batak (Sumatra, Indonesien)

 

Die Husumer Sammlung hält so manche Überraschungen bereit – neben der Tatsache, dass sie deutlich weniger Objekte aus deutschen Kolonialgebieten enthält, als zu erwarten gewesen wäre. Mehrere Sammler sind namentlich bekannt, aber nur über zwei wissen wir ein wenig mehr, und zwar über den seiner Zeit sehr bekannten Weltreisenden und Reiseschriftsteller Ernst von Hesse-Wartegg (1851-1918) (98 Objekte) sowie über den Weltreisenden und Vortragenden Dr. Bruno Schwabe (-1918) (114 Objekte). Von den Sammlern von Hagen (42 Objekte) und Kapitän Grosch (6 Objekte) kennen wir bislang nur ihre Namen. Der 129 cm hohe Zeremonialstab eines Priesters der Batak aus dem bergigen Hochland Nordsumatra, den besagter Kapitän Grosch vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gesammelt hat, ist eines von überraschend vielen und frühen Objekten aus Indonesien, die sich in Husum befinden. Stäbe dieser Art waren der wichtigste Ritualgegenstand der religiösen Spezialisten der Batak und wurden von ihnen selbst herstellt und durch das Anbringen eines „Zauberbreis“ wirksam gemacht. Ob dazu wirklich pulverisierte Menschenteile benutzt wurden, wie den Berichten der frühen Missionare und Wissenschaftler zu entnehmen ist, hat noch nie jemand überprüft. Der Husumer Zauberstab weist auf jeden Fall mehrere Stellen auf, die mit einer unbestimmten Masse verklebt sind. Das zeichnet ihn aus ethnologischer Sicht als einen in Benutzung befindlich gewesenen Stab aus.

Im Zuge der Missionierung und der Zunahme an europäischen Reisenden tauchten immer mehr dieser Stäbe in Europa auf. Und einige waren bereits extra für den Verkauf hergestellt. Aus den Berichten der Missionare, vor allem denen der Rheinischen Missionsgesellschaft Wuppertal, die ab 1861 bei den Batak tätig war, wissen wir, dass manche Spezialisten ihre Stäbe nach ihrem Übertritt zum evangelischen Glauben den Missionaren übergaben. In anderen Fällen säuberten die Missionare aber auch in Razzien ganze Gebiete von so genannten Zaubergeräten (Kalb-Pachner 2016:59). Wie und wo der Kapitän an den Stab gekommen ist, muss aber vorerst unklar bleiben. Stattdessen mehren sich die Fragen: Wie hieß der Kapitän mit vollem Namen, wo kam er her? In seiner Sammlung sind 2 Objekte von Chinesen vermutlich aus Batavia oder der Malaiischen Halbinsel, 3 Objekte aus Sumatra und eines aus Java. Welche Schifffahrtsroute verbindet diese Orte? Fuhr er auf einem niederländischen oder englischen Schiff vielleicht den Hafen von Medan, Sumatra, an und erstand dort den Stab? War er mit einem Missionar bekannt? Gab es so genannte Curio-Läden, in denen Ethnographica verkauft wurden, in den in Frage kommenden Hafenstädten Sumatras?

 

Literatur

Kalb-Pachner, Anne-Rose

2016    Zauberstäbe und datu der Batak. Zeugen der vorkolonialen Kultur. Berichte in alten und neuen Quellen insbesondere jenen der Rheinischen Missionsgesellschaft. Online-Veröffentlichung der gleichnamigen Bachelorarbeit an der FernUniversität Hagen aus dem Jahre 2011. https://www.sidihoni.com/images/downloads/Kalb_Pachner_Zauberstaebe_und_Datu.pdf

 

Kirstein, Barbara

2014    Vortrag zur Geschichte der ethnographischen Sammlung in Husum, gehalten auf der Frühjahrstagung des Schleswig-Holsteinischen Museumsverbundes im Hamburger Museum für Völkerkunde am 26.5.2014.

Sibeth, Achim

1990    Mit den Ahnen leben. Batak. Menschen in Indonesien. Stuttgart.

2001    Früher Tourismus im Batak-Gebiet, Nordsumatra (Indonesien). In: Bernhardt, Günter und Jürgen Scheffler (Hrsg.) Reisen, Entdecken, Sammeln. Völkerkundliche Sammlungen in Westfalen-Lippe. Bielefeld, S. 38 – 57.

2003    Vom Kultobjekt zur Massenware. Kulturhistorische und kunstethnologische Studie zur figürlichen Holzschnitzkunst der Batak in Nordsumatra / Indonesien. Herbolzheim.

 

 

https://en.wikipedia.org/wiki/Medan#Seaport

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